1. Kapitel - Wölfe

Ihre gehetzten Schritte wurden immer langsamer. Die eisige Luft schmerzte bei jedem Atemzug. In ständig neuen Wellen peitschte der Wind Schneekristalle in das zerbrechliche Gesicht. Die einst so tiefen blauen Augen starrten trübe und blind durch das Schneegestöber.


Während die junge Frau ächzend nach Luft rang, stolperte sie mit gefühllosen Beinen durch schneebedeckte Büsche. Das kleine Bündel mit dem Säugling auf ihrem Rücken schaukelte bedrohlich hin und her. Er schrie schon lange nicht mehr. Ein zweites Bündel drückte sie mit letzter Kraft vorne an ihre Brust. Mit der freien Rechten zerrte sie ein drittes Kind vorwärts, ihren Erstgeborenen. Das blutig gekratzte Gesicht des Jungen war starr vor Angst.


Ohne Vorwarnung verfingen sich die Füße der Frau in einer Wurzel unter der Schneedecke. Schmerzerfüllt stöhnte sie auf. Sie wankte, fiel hin, riss den Knaben mit zu Boden. Das kleine Bündel an ihrer Brust wurde unter ihr im Schnee begraben.


Für einen Augenblick überkam sie ein unendlich angenehmes Gefühl. Wie wohltuender Schlaf. Aber es dauerte nur einen Augenblick. Der Zwilling unter ihr wand sich zuckend und riss sie wieder zurück in den Sturm. Oder war es das Heulen der Meute? Mit letzter Kraft richtete sie sich auf. Nicht jetzt! Niemals! Gott im Himmel!
Der Aufprall des Leitwolfes schmetterte sie zurück in den Schnee. Sie spürte das dichte weiche Fell. Für eine Sekunde blickten sich Wolf und Mensch ins Angesicht.
Was für klare Augen!, schoss es ihr noch durch den Kopf.

 

Als die Kiefer mit den scharfen Zähnen zuschnappten, war ihre Seele schon im Schneegestöber entschwunden. Doch bevor das Rudel über die gekrümmte Gestalt herfallen konnte, tauchte ein riesiger Schatten vor ihm auf. Zu spät entdeckte der Leitwolf das mächtige Schwert. Mit einem tiefen Singen durchschnitt es die Luft. Dann bohrte es sich in den Rumpf des Tieres. Sein lautes Jaulen wurde vom Wind verschluckt. Noch bevor der leblose Wolf zu Boden fiel, hatte sich das Schwert eine blutige Schneise durch das Rudel gefressen. In Sekundenschnelle war der Spuk vorbei. Die übrig gebliebenen Tiere verschwanden lautlos in der Tiefe des Waldes.
Als wären unsichtbare Mächte vertrieben worden, ging der Sturm in ein leises Wispern über. Aus den grauen Wolken brach die Sonne hervor. Sie tauchte die Schneekristalle in ein tausendfach silbernes Glitzern. Ein feines Flirren erfüllte die Luft.


Der Ritter ließ das Schwert kraftlos sinken. Zu spät! Für einen Augenblick zu spät! Mit einem schmerzerfüllten Schrei versetzte er dem Wolfskadaver einen Tritt. Dann kniete er sich nieder. Seine großen Hände griffen zitternd nach der leblosen Gestalt. Fast zärtlich strich er das blonde Haargewirr aus dem schmalen blassen Gesicht der Frau. Die blauen Augen blickten leblos an ihm vorbei in den Himmel. Eine goldene Kette schmiegte sich um den schlanken Hals und endete zwischen den feinen Fingern, die sich zu einer Faust zusammengeballt hatten. Als sie der Ritter behutsam öffnete, schimmerte ihm ein schlichtes goldenes Kreuz entgegen.
Der Hüne bekreuzigte sich: "Christus sei dir gnädig!"
Ein leises Weinen riss ihn aus den Gedanken. Hinter einem zerborstenen Baumstrunk tauchte ein verstörtes Kindergesicht auf. Mit aufgerissenen Augen starrte der Knabe durch ihn hindurch auf die zusammengesunkene Mutter.
Jetzt erst bemerkte es auch der Ritter: Unter der Frau regte sich Leben! Hastig gruben seine mächtigen Hände eine kleine Gestalt aus dem Schnee hervor. Der Säugling war starr vor Kälte und blau im Gesicht. Er atmete nicht mehr!
Zitternd hatte sich der Fünfjährige genähert und stand nun schweigend neben ihnen. Der Ritter drückte den Säugling an sich und rieb mit schnellen Bewegungen über den winzigen Rücken. Mit einem plötzlichen heftigen Seufzer holte der Kleine Luft. Sein dünner Schrei hallte durch den glitzernden Schnee. Tröstend wollte der Ritter dem Knaben an seiner Seite zureden. Aber dieser hielt ein zweites lebloses Bündel in den Armen. Ein kleines Gesicht leuchtete daraus hervor. Tot. Vollkommen in seiner Schönheit und voller Frieden.


Für einen Augenblick wandte sich der Ritter ab und unterdrückte die Tränen. So ein Gesicht hatte er schon einmal gesehen! Vor vielen Jahren. Mehr als sieben Stunden hatte es damals gedauert. Was hatte er mitgelitten! Aber endlich war er da! Der heiß erwartete Sohn. Atemlos hatte er damals vor der Tür ausgeharrt und angestrengt gehorcht. Aber nach den letzten gepressten Schreien seiner Gemahlin breitete sich lähmende Stille aus. Schließlich konnte er es nicht mehr aushalten, drückte die Tür auf und schob das bleiche Gesicht des Priors beiseite.


Erschöpft lag die Mutter auf dem Bett. In ihren Armen hielt sie den Säugling. Friedvoll, wie ein schlafender Engel aus einer anderen Welt. Erst dann sah er die Nabelschnur, die mit eisernem Griff das Kind erstickt hatte. Er konnte es nicht fassen. Alles war da! Die wunderschönen kleinen Hände, die fein geschwungenen Ohren, das dunkel gelockte Haar. Die winzige Stupsnase. So vollkommen! Als würde es im nächsten Moment die Augen öffnen und mit einem tiefen Seufzer Luft holen. Aber die Augen blieben geschlossen, die Lippen stumm. Für immer.


Konrad von Falkenstein hörte sein eigenes Schluchzen und Seufzen im winterlichen Wald. Jahrelang hatten sich seine Gefühle hinter dicken Mauern verkrochen und verborgen. Wie ein Fremder hörte er sich selber zu. Aber als sich der Blondschopf in seine Arme flüchtete und er den weinenden Säugling an sich drückte, da stürzten die Mauern ein. Seltsam melodiös schwebten die klagenden Laute durch die schweigende Schneekathedrale.

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"Verfluchter Ritter!" Mit einem lauten Schrei schleuderte Magos die kristallene Kugel vom Tisch. Ein letztes Mal war in ihr das Antlitz des toten Leitwolfes zu sehen. Dann zerschellte sie auf dem steinernen Boden in tausend Stücke. Die klaren Augen des Zauberers wurden von Finsternis umwölkt. Für einen Augenblick wich die Kraft von ihm. Noch immer atmete er schwer. Noch immer spürte er die scharfe Klinge des Ritters, als wäre sie ihm selber durch den Leib gestoßen worden. Er kannte dieses Schwert, die mächtige Klinge, die eiserne Hand, die sie geführt hatte. Konrad von Falkenstein! Woher hatte er nur gewusst ...? So nahe war er seinem Ziel gewesen. Die Mutter hatte er ausgelöscht. Und mit ihr einen der Zwillinge. Aber der Erstgeborene und der zweite Zwilling - sie lebten! Jetzt konnte er nur noch hoffen, dass die andern den Zwischenfall bemerkt hatten - falls sie denn überhaupt noch in der Nähe waren!


Magos' Stimme hallte klagend durch die düsteren Gänge und scheuchte bizarre Schatten auf. Kraftlos sank er auf seinen Drachenthron. Mit stumpfem Blick brütete er über dem Pergament. Unzählige Male hatte er die abgegriffene Rolle studiert. In endlosen Nächten war sie von ihm mit allen Sinnen durchpflügt worden - in der Hoffnung, den verborgenen Schatz zu heben. Vorwärts und rückwärts hatte er die Buchstaben aneinandergereiht, kreuz und quer. Aber unbeirrt hatten sie ihm getrotzt. Die Worte hinter den Worten blieben ein Geheimnis. Noch schlimmer: Sie ließen sich nicht einmal erahnen. Und was da stand, das konnte er einfach nicht begreifen. Es ergab keinen Sinn.


Ein überraschender Gedanke riss ihn aus dem Nebel heraus. Natürlich: der Prior! Dieser hatte seine Pläne durchkreuzt! Konrad hatte die Gabe schon längst verloren. Aber der Prior - er nicht! Er musste es gewusst haben.
"Verfluchter Pfaffe!", knurrte Magos, und sein Gesicht wurde spitz und schmal wie das eines Wolfes. Konzentriert schloss er die Augen. Er durfte sich jetzt nicht von seinen Gefühlen hinreißen lassen! Mit dem kühlen Hass kehrte auch die alte Kraft langsam zurück.
Ein dunkles Flüstern drang an sein Ohr. Magos horchte und nickte stumm. Was er gehört hatte, gefiel ihm gut.

2. Kapitel - Bernardus


Mit einem leisen Seufzer erhob sich Bernardus. Lange hatte er tief im Gebet auf den Knien geruht. In den frühen Morgenstunden war der Prior von unsichtbarer Hand wachgerüttelt worden. In seinem Geist hatte er sofort eine tiefe Dringlichkeit zum Gebet gespürt. Im Schein der Talglampe war er hastig über den gefrorenen Burghof hinein in die Kapelle geeilt. Vor dem großen hölzernen Kreuz mit der Christusfigur hatte er sich auf die Knie geworfen und mit flüsternder Stimme zu flehen und zu ringen begonnen. Wie eisige Wellen waren Finsternis und Schrecken an sein Herz gebrandet. Etwas Furchtbares hatte sich aufgemacht, um Tod und Grauen zu säen. Draußen im Wald! Schon nach wenigen Minuten hatte Bernardus trotz der Kälte schweißüberströmt auf seinem Angesicht gelegen. Eine schreckliche Not war in sein Gemüt gekrochen. Er hatte mit dieser Macht schon oft gerungen. Aber dieses Mal war sie um ein Vielfaches stärker. Nach zwei Stunden schien er sie endlich zurückgedrängt zu haben.


Aber dann hatte er die Stimme Gottes in seinem Herzen gehört: Lass ab! Es muss geschehen! Hole Konrad von Falkenstein!
So schnell er gekonnt hatte, war Bernardus zum mächtigen Bergfried geeilt. Dort wurde auch schon die Pforte aufgerissen. Mit grimmigem Gesicht kam der Ritter herausgestürzt, das Kettenhemd übergestreift, in der Linken das große Schwert.
"Konrad! Ich muss Euch dringend sprechen!", hatte Bernardus atemlos gekeucht.
"Ich weiß! Ich habe es auch gehört. Magos! Er hat sie gefunden!"
Bernardus hatte erstaunt die Augenbrauen hochgezogen: "Ihr habt es gehört?! Das ist ein Wunder! Nach so vielen Jahren …"
"Wir haben keine Zeit zu verlieren, der Schneefall setzt ein! Segnet mich, Bernardus!"
Der Prior hatte schwach abgewehrt: "Aber ihr wisst doch, dass Ihr selber …"
"Eure Bibelstunde könnt Ihr später abhalten! Mich müsst Ihr nicht belehren!", hatte Konrad ungeduldig dazwischengebellt.
"Ja, ich sollte es eigentlich wissen! Verzeiht. Ich hoffte einfach nur …"
Dann hatte er Konrad segnend die Hände auf das Haupt gelegt.
"Es wird nie wieder sein wie früher - das wisst Ihr, Bernardus!"
"Ich weiß. Die Zeit heilt nicht immer alle Wunden, edler Ritter. Aber vielleicht durch ein Kind ... Und nun eilt in Gottes Namen!"
Für einen Augenblick lang hatte ihn der Ritter überrascht angestarrt. Seine Stimme hatte verletzlich und wütend geklungen:
"Ein Kind!?"


Aber dann hatte er sich bereits auf sein schwarzes Streitross geschwungen und war wie ein Sturmwind an ihm vorbei durchs geöffnete Tor geprescht.
Während das schwere Hufgeklapper am Ende der Zugbrücke in der frischen Schneeschicht verstummte, hatte Bernardus dem Ritter noch lange nachgeblickt.
"Gott mit Euch!", hatte er gemurmelt. Und dann war er mit entschlossenen Schritten in die Kapelle zurückgekehrt, um mit seinen Gebeten den Himmel zu bestürmen.
Nachdem diese Ereignisse noch einmal vor seinem inneren Auge vorbeigezogen waren, richtete sich Bernardus auf, machte ein paar steife Schritte, reckte seine Glieder. Sein Rücken schmerzte. Die Beine waren eingeschlafen Wie fremde, angesetzte Körperteile ragten seine Füße unter der Kutte hervor. So hatte sich der Prior in den letzten Stunden auch gefühlt. Wie ein Fremder in einer fremden Not.


Aber nun gab es nichts mehr zu tun. Er hatte das ihm Mögliche getan. Den Rest musste er der Gnade Gottes anbefehlen. Magos war zurückgekehrt! Er hatte seine Macht gespürt. Noch einmal war das Allerschlimmste verhindert worden. Aber von nun an war höchste Wachsamkeit geboten. Allmählich kehrte das Blut mit stechendem Geriesel in seine Beine zurück.
In Furcht und Hoffnung verbrachte er den Rest des Tages. Wartend hielt er auf der Zinne beim Burgtor Ausschau. Der Schneesturm trieb ihn ab und zu ins Torhaus, wo er sich bei den Wachen aufwärmte.
Bernardus war ein gern gesehener Gast. Seine Weisheit und Liebenswürdigkeit wurden von allen geschätzt. Manchmal redete er in Rätseln. Es gab Augenblicke, da hatte er etwas Furchterregendes an sich. Eine Kraft, die nur schwer zu beschreiben war, die alle verstummen ließ. Und es gab Stunden, da konnte er so ausgelassen wie ein Kind sein, dass es gar nicht so recht zu einem Gottesmann passen wollte. Er konnte die haarsträubendsten Geschichten erzählen, ohne mit der Wimper zu zucken. Und wenn sie ihm wieder einmal aufgesessen waren, kugelte er sich vor Lachen. Seine lebhaften, braunen, schlitzförmigen Augen waren dann immer nur noch eine einzige Lachfalte. Über seine Herkunft und Geschichte redete er allerdings wenig. Mit Konrad von Falkenstein und vielen anderen stolzen Rittern war er aus dem Heiligen Land zurückgekehrt. Seither war er der Geistliche dieser Burg.
Wie auch immer: Sie liebten ihn, denn er war so etwas wie die Seele von Falkenstein. Bernardus und Konrad waren wie ungleiche Brüder. Sehr verschieden - und doch war da etwas in ihnen, das sie miteinander verband.


Immer wieder spähte Bernardus angestrengt vom Wehrgang auf der Burgmauer ins Schneegestöber. Dann, völlig unvermittelt, hatte sich die Sonne durch die Wolken hindurchgezwängt wie durch eine enge Pforte. Und hinter ihr folgte der blaue Himmel, einer königlichen Schleppe gleich. Das wärmende Licht verwandelte die Landschaft in ein verzaubertes Märchenland, still und voller Unschuld. Zwei winzige Punkte näherten sich allmählich der Burg. Mit zusammengekniffenen, vom Licht tränenden Augen spähte Bernardus über die gleißende Schneefläche. Konrad von Falkenstein? Tatsächlich!


Der Hüne führte das Streitross am Zügel, stapfte neben ihm her durch den Schnee. Erst jetzt bemerkte Bernardus die kleine Gestalt, die wankend auf dem Sattel saß. Als Ross und Reiter am Fu e des Felsens im Schatten verschwanden, lief Bernardus rasch zurück in den Hof und läutete die Glocke der Kapelle. Das Hämmern in der Schmiede verstummte. Mit einem Male belebte sich der Burghof. Die Knappen, Knechte und Mägde eilten herbei. In wenigen Augenblicken war die bisher kaum berührte Schneeschicht von unzähligen Schuhabdrücken gezeichnet. Wer nicht unbedingt musste, war in der Wärme geblieben. Aber das Läuten der Glocke um diese Zeit war ein zwingender Grund, den Feuerherd zu verlassen.


Zuletzt öffnete sich auch die Tür des großen Wohnturmes. Katharina von Falkenstein, eingehüllt in einen Mantel aus Fell, schritt rasch zum Tor. Mit rasselnden Ketten rumpelte die Zugbrücke nach unten und öffnete den Blick nach draußen.
Schweigend und gesenkten Hauptes führte Konrad von Falkenstein sein Ross ins Innere der Burg.
Katharina ergriff ihn bei der Hand: "Ich bin froh, dass du wieder da bist! Konntest du ...?"
Er schüttelte stumm den Kopf. Sein Gesicht zeigte keine Regung.


Aber so waren es alle Bewohner der Burg gewohnt. Der Ritter, so gütig er war, zeigte selten Gefühle. Irgendwann mussten sie ihm abhanden gekomen sein. Das war - so erzählten die, die ihn besser kannten - auf seinem Kreuzzug im Heiligen Land geschehen. Früher war Konrad ein Mensch gewesen, der über sich und die ganze Welt schallend lachen konnte. Aber weder Lachen noch Weinen waren aus Jerusalem nach Falkenstein zurückgekehrt. Vielleicht war das Lachen auch schon früher verschwunden, nach der Totgeburt des ersten und einzigen Kindes. Katharina von Falkenstein, einst eine lebenslustige Frau, war still geworden in diesen Jahren. Vielleicht war es dieser Schmerz gewesen, der Konrad ins Heilige Land hatte aufbrechen lassen. Wie auch immer: Darüber redete man wenig in dieser Burg. Die aus Jerusalem Zurückgekehrten hatten damals ein Gelübde abgelegt. Und da Konrad selber schwieg, schwiegen auch die andern. Seit jenen Tagen war es nicht nur im Winter kalt auf Falkenstein.


Nun öffnete Konrad vorsichtig den schweren Mantel und zog ein kleines Bündel hervor. Als Katharina es ergriff, hallte ein dünnes Stimmchen über den still gewordenen Burghof. Katharina erstarrte für einen Augenblick. Als sie den Säugling schützend an sich zog, konnte sie ihre Tränen nicht länger zurückhalten. Die Blicke der Eheleute trafen sich in einer Weise, wie es der Prior schon lange nicht mehr gesehen hatte.
Ein schmerzliches Lächeln huschte über sein Gesicht. War dies der Beginn? Gütiger Gott, lass es so sein!
Bernardus' Auge fiel nun auf den fünfjährigen Blondschopf, der zitternd auf dem großen Pferd saß. Vorsichtig hob er ihn aus dem Sattel.
"Na, mein Kleiner, wie heißt du denn?", fragte er mit aufmunternder Stimme.
Aber das Kind schwieg und blickte starr vor sich hin.
"Das gibt sich schon wieder. Jetzt komm erst mal ans warme Feuer. Du bist ja ganz steif vor Kälte!"
Widerstandslos ließ sich der Knabe an der Hand wegführen.
Eine seelenlose kleine Hand!, durchfuhr es Bernardus schaudernd. Das Kind musste Schreckliches erlebt haben.
Als sich die schwere Zugbrücke wieder ächzend geschlossen hatte, trennte sie zwei Welten voneinander. Hier die sichere Wärme hinter dicken Mauern. Draußen, irgendwo im verschneiten Wald, ein großes und ein kleines Holzkreuz. Die blutigen Spuren mit einem weichen weißen Mantel gnädig bedeckt.
Konrad schaute Katharina und Bernardus lange nach. Dann führte er Sirus, seinen Hengst, in den Stall.
"Aber vielleicht durch ein Kind ...?", murmelte er leise vor sich hin.


Irgendetwas tief in seiner Seele begann sich zu regen. Er hatte nicht geglaubt, dass es noch da war. War es Hoffnung? Konrad verwarf den Gedanken und rieb den verschwitzten Rappen mit Stroh ab. Wer konnte das schon wissen? Langsam zog er mit seiner linken Hand etwas aus dem Wams. Matt schimmerte das schlichte goldene Kreuz daraus hervor. Auch er hatte einmal daran geglaubt! Aber das war schon lange her. Rasch ballte sich seine Linke zur Faust zusammen und begrub das Kreuz unter den Fingern. Das Leben war anders!