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1. Kapitel: Der Überfall Wie ein großer Adler, der seine Schwingen ausgebreitet hatte, thronte das königliche Schloss der Stauffermark über den endlos verschachtelten Dächern von Königsstadt. Von unzähligen Türmen und Erkern der Festung leuchteten die Flaggen mit dem königlichen Löwen durch das Tal. Wie blaue Säulen stiegen die dünnen Rauchfahnen aus den hohen Kaminen der prächtigen Stadt in den Himmel. Der kleine Tross einer schwarzgewandeten Bruderschaft ritt eilig auf das mächtige Löwentor zu. Auf Vorderund Rückseite ihres Rockes prangte das längliche weiße Zeichen der Kreuzritter. Eine Pergamentrolle wurde am Wachtor übergeben, ein paar Worte mit dem diensthabenden Hauptmann gewechselt. Dann ging die große Zugbrücke nach unten und ließ die Ankämmlinge ein. Die Schwarzgewandeten hatten es offensichtlich eilig. Kaum hatten sie den Stallburschen die Pferde übergeben, gingen sie mit raschen Schritten die breite Treppe hinauf zur Pforte des Palastes. Ungeduldig warteten sie, bis die Eskorte die Tür öffnete. Die Kunde ihres Erscheinens hatte bereits die Runde gemacht. Ritter und Grafen standen neugierig im Thronsaal, als die Gäste gemessenen Schrittes auf den Thron zugingen. König Albrecht, Herrscher der Stauffermark, saß gelassen auf dem Löwenthron. Obwohl er schon ein alter Mann war, zeugten der mächtige Körper, die scharf gebogene Nase und das energische Kinn von einem unbeugsamen Willen. Die vier Ankömmlinge knieten auf den Stufen vor dem Thron nieder. Der Vorderste, offensichtlich ihr Anführer, erinnerte mit seinem schmalen, länglichen Gesicht an einen Vogel. Die großen schwarzen Augen blitzten, als er den Blick auf den König richtete. «Heil Euch, Albrecht, König der Stauffermark! Wir bringen Euch Nachrichten aus Jerusalem!» Mit diesen Worten übergab er einem Pagen eine Schriftrolle. Dieser überbrachte sie dem König, der in aller Ruhe das prächtige gelbliche Siegel brach und die Rolle öffnete. Sorgfältig glitten die Augen Albrechts über die mit goldenen Unzialen verzierten Zeilen. Sein Gesicht blieb dabei unbeweglich und ruhig. Geheimkuriere hatten ihm in den letzten zwei Tagen viele besorgniserregende Neuigkeiten überbracht. Diese hier waren zu seiner Erleichterung ganz anders. Mit einem leisen Seufzen rollte er die Botschaft wieder zusammen. «Ihr seid herzlich willkommen in unseren Hallen! Die Freunde Jerusalems sind auch die Freunde der Stauffermark. Lang lebe der Kaiser!» Albrecht erhob sich und warf sich den Mantel über. «Ihr seid bestimmt hungrig und müde.» Das Vogelgesicht lächelte unmerklich und nickte. Stunden später lehnte sich der König etwas in seinem Sessel zurück. Es war ein herrliches und üppiges Mahl gewesen, das Gespräch mit den Gästen lebhaft und interessant. Es mochte wohl gegen die zehnte Stunde gehen. Albrecht gähnte zufrieden und neigte seinen Kopf etwas seitlich zu Wolfhart, Graf von Tannenberg, seinem General. Während er müde lächelte, murmelte er halblaut zum General: «Wolfhart, diese Leute sind Schurken und Betrüger. Vor wenigen Tagen waren sie zu Gast bei Richard vom Kreuz. Sie haben mir erzählt, dass es ihm gut gehe.» Wolfhart verzog seinen Mund zu einem Lächeln und murmelte: «Ich verstehe, Herr.» «Stellt vor jedes ihrer Schlafgemächer dreiWachen und verstärkt alle Tore und Zugänge. Es liegt Verrat in der Luft.» Zufrieden wendete Albrecht sich wieder seinen Gästen zu und klatschte dann laut in die Hände. Das Spiel der Lauten und Schalmeien verstummte. «Edle Gäste, Ritter, Grafen und holde Damen», dabei nickte er lächelnd Salome zu, seiner bildhübschen goldhaarigen Enkelin, die zu seiner Rechten saß, «erlaubt einem alten Manne die wohlverdiente Nachtruhe. Alles hat seine Zeit. Wachen hat seine Zeit, und Schlafen hat seine Zeit. Morgen breche ich auf zu einer Schwertleite, auf die ich mich schon seit Wochen gefreut habe. Für diesen besonderen Tag möchte ich gut ausgeschlafen und rechtzeitig vor Ort sein.» Die Gäste lachten verhalten. Albrecht erhob sich. «Wolfhart wird unsere Gäste zu ihren Zimmern begleiten. Gott, unser Herr, schenke uns Frieden für diese Nacht!» Nachdem sich die vier Gäste vom König verabschiedet hatten und der Speisesaal leer und still geworden war, winkte Albrecht Salome an seine Seite. Nach einem vorsichtigen Blick in alle Richtungen flüsterte der König: «Salome, ich lasse Euch von meinem Schreiber eine Nachricht übergeben. Sobald Ihr sie habt, brecht Ihr auf nach Falkenstein. Reitet auf Leben und Tod, das Reich ist in höchster Gefahr! Meidet alle großen Straßen. Und gürtet Euch besser mit dem Schwert. Vielleicht braucht Ihr es.» Salome starrte den König erschrocken an. Dieser schüttelte unwillig den Kopf. «Macht nicht so ein Gesicht, mein liebes Kind! Euer Strahlen steht Euch viel besser an!» «Großvater, ich hoffe nicht, dass Ihr in Gefahr seid?» Der König lächelte mild. «Ein König ist immer in Gefahr. Aber ist er ein guter König, erkennt er sie zur rechten Zeit. Gott mit Euch!» «Gott auch mit Euch, Großvater!» Salome küsste Albrecht auf die Stirn. Dieser lächelte stolz und zufrieden. Um die dritte Stunde lag Albrecht immer noch wach in seinem Bett. Draußen rauschte ein kalter Wind um das Gemäuer. Oder war es das Geschrei eines Vogelschwarmes? Plötzlich hörte er Flügelgeflatter. Ein Windhauch fegte den Vorhang vom Fenster weg, und eine große schwarze Krähe setzte sich auf die steinerne Bank. Mit ihren schwarzen Augen starrte sie Albrecht an. Dieser richtete sich im Bett auf und sah verblüfft auf den nächtlichen Gast. Ein eisiger Hauch fuhr ihm in den Nacken. Diesen Blick hatte er heute schon einmal gesehen. Wieder rauschte es in der Luft, und drei weitere Vögel setzten sich neben ihren Artgenossen. Dann hüpften sie von der Fensterbank und näherten sich mit gravitätischen Schritten dem königlichen Himmelbett. Einer von ihnen flatterte zum goldenen Wams des Königs, das über einem Stuhl hing. Albrecht hatte sich auf vieles vorbereitet in dieser Nacht. Aber nicht darauf. Mit einem Satz sprang er aus dem Bett und zog das goldene Schwert aus der Scheide. «Wachen! Hierher!», rief er mit lauter Stimme. Doch die Wachen vor der Tür halfen niemandem mehr. Voller Schrecken starrte der König auf die unheimliche Veränderung, die in seinem Zimmer vorging. «So lohnt Ihr die Gastfreundschaft der Stauffermark, Ihr Lumpengesindel?!» Mit einem wuchtigen Schlag eröffnete Albrecht den verzweifelten Kampf eines alten Mannes gegen einen übermächtigen Feind. Draußen schrien unzählige Stimmen von Krähen. Ihre schwarzen Leiber widerspiegelten metallisch glänzend das auflodernde Feuer von Häusern und Stallungen. In immer größeren Scharen stießen die Vögel vom Himmel herab und legten sich wie eine finstere Wolke auf Königsstadt. |
